# 72. Frei & Selbstständig im Design
Warum wird die freie und selbstständige Tätigkeit in den designrelevanten Bereichen zu wenig gewertet?
Wie in der Kolumne »# 66. Design Business am Arsch!« beschrieben, arbeiten immer mehr Designer unter prekären Bedingungen und können damit ihren Lebensunterhalt nicht finanzieren. Das wird in den Design-Hochschulen und -Netzwerken viel zu selten hinterfragt. Auch die Politik geht auf diese Entwicklung kaum ein, wie aus dem letzten »Monitoringbericht der Kultur- und Kreativwirtschaft 2024« zu entnehmen ist – in dem zwar die Anzahl der (prekären) »Mini-Selbstständigen« aufgeführt ist, aber nicht analysiert wurde (siehe »# 56. Designwirtschaft – Are you going precarious?«).
Die in dem Monitoringbericht aufgeführten Zahlen stammen aus 2023 und bilden die aktuelle Situation nicht mehr vollständig ab. Aus der momentanen Stimmung der Freien und Selbstständigen in der Designbranche ist zu entnehmen, dass sich die prekäre Situation offensichtlich weiter verschlechtert hat (was nicht nur an der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Lage liegt). Manche denken nun, dass eine Lösung die Anstellung in einer Agentur, einem Büro, einer Institution oder einem Unternehmen ist. Dort ist die Stimmung allerdings auch stark eingetrübt (wie die aktuelle Umfrage des ifo Institut zur finanziellen Lage der Selbstständigen zeigt).
Die momentane Wirtschaftspolitik erweckt den Anschein, dass ihr diese Entwicklung völlig gleichgültig ist und die Rahmenbedingungen für Selbstständige sogar erschwert (wie zum Beispiel bei dem Thema Scheinselbstständigkeit). Wirtschaftspolitik kümmert sich lieber um die Großindustrie und ignoriert die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Freien und Selbstständigen für die Emanzipation, die Entwicklung von Innovationen und des Gründungsgeschehens. Aufstiegschancen in abhängigen Arbeitsverhältnissen sind langwieriger und deutlich schwerer zu realisieren, als dies in freien und selbstständigen möglich wird – was gesamtwirtschaftlich relevant ist, da es zu mehr Demokratie, Sicherheit und Vermögen in der Gesellschaft führt.
Freiheit und Selbstständigkeit im Design emanzipiert, innoviert, fördert Möglichkeiten und wirtschaftliche Kompetenzen!
Den Hindernissen (Politik) und dem Prekariat (Crowdworking, »Künstliche Intelligenz«, Mini-Selbstständigen-Status et cetera) zum Trotz, ist die freiberufliche und selbstständige Arbeit eine attraktive und wertvolle Möglichkeit, persönliche Entwicklungsperspektiven und Ziele zu realisieren. Das Interesse daran ist groß, wie aktuelle Studien über allgemeine Existenzgründungen berichten: Nach dem diesjährigen »Global Entrepreneurship Monitor« hat die Bereitschaft, ein Unternehmen zu gründen, 2025 einen neuen Rekordwert erreicht. Der »KfW-Gründungsmonitor 2026« berichtet über einen Anstieg der Existenzgründungen, dessen Entwicklung durch Nebenerwerbs-Gründungen (anteilig 70 Prozent) getrieben wird – was vermutlich mit der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt korreliert.
Die Design-Hochschulen haben ihre Angebote für Beratung und Förderung der Selbstständigkeit in den letzten Jahren erhöht. Allerdings ist die Qualität oft fraglich, vor allem in Bezug auf persönliche Beziehungsfragen, die nur in einem Coaching beantwortet werden können. Beratung hat den methodischen Schwerpunkt in betriebswirtschaftlichen Sachfragen (für die die »Förderung von Unternehmensberatungen für KMU« des BAFA ausschließlich definiert ist). Beziehungsfragen – die Analyse persönlicher Entwicklungsphasen und der individuellen Psyche – werden kaum angegangen, mangels Fähigkeiten im Coaching und der Psychotherapie, an der nach außen gerichteten »Design Psychology« (»# 69. Design Psychology ohne Eigenschaften!«) und der »Design Theory ohne Bestimmung! (# 71.)«.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nur die Selbstständigkeit wirklich frei, möglichkeitsorientiert und selbstbestimmt macht. Wie Coaching hierbei helfen kann, werden meine Kolumnen – über Entwicklungsphasen, Entwicklungsprozesse, Wirksamkeit, Kompetenzen und Überschneidungen mit der Psychotherapie – in den nächsten Monaten näher beschreiben. »Stay in touch with me!«
jk 15. Juli 2026
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