# 15. Zusammenhänge

Wie können wir lernen, die Welt zu verstehen?

»Kontextkompetenz heißt, Komplexität zu erschließen, sie lauffähig zu machen für sich und für andere.« So der Journalist Wolf Lotter in seinem neuen Buch »Zusammenhänge – Wie wir lernen, die Welt wieder zu verstehen« (2020).

Dieses Weltverständnis ist vielen in unserer Gesellschaft nur schwer zugänglich, weil es mühsam, selbstkritisch und vorurteilsarm ist. Viel einfacher ist es hingegen, sich in seiner – selbstbestätigenden – Blase ideologisch gefärbter Glaubensrichtungen, Informationen und Mythen bequem einzurichten. Frei von Selbstzweifeln schirmt man sich gegen andere – verachtete – Meinungen ab. Empathie wird unterdrückt, wenn überhaupt wahrgenommen. Daraus resultiert eine in sich abgeschlossene und absolute Wahrheit, die Fragen erübrigt, weil alle Antworten scheinbar bereits gegeben sind.

Einer der nicht zu unterschätzenden Ursachen dieser Verhaltensweise ist unser Ausbildungssystem, das vertikales Disziplin-Wissen produziert (weil angeblich praxisrelevant) und kaum horizontales Interdisziplinar-Wissen vermittelt. Wobei wir auch wissen sollten, dass nach Albert Einstein »Das wahre Zeichen von Intelligenz […] nicht das Wissen, sondern die Vorstellungskraft [ist]«.

Vorstellungskraft braucht neben empathischem und offenem Denken vor allem eine breit angelegte humanistische Bildung. Bildung anstelle von Ausbildung – in der Bildung ausgeblendet wird. »Humanistische Bildung bedeutet, sich Wissen an und für sich anzueignen, um sich in der Welt zurechtzufinden.« (Wolf Lotter)

Vorstellungskraft macht uns unabhängig von scheinbar eindeutigen Wirklichkeiten und befähigt uns dazu, uns mehrdeutige Möglichkeiten zugänglich zu machen. Das Mehrdeutige, Persönliche und Vielfältige sind die Voraussetzungen für eine bessere Zukunft – auch um die digitale Transformation menschennützlich gestalten zu können.

Wir müssen lernen, Komplexität zu erschließen und Zusammenhänge herzustellen!

Dass die Welt komplex ist, wird nicht grundsätzlich bestritten. Allerdings gibt es unterschiedliche Ideologien, wie sich diese Komplexität zugänglich machen lässt. Wirklichkeits-Ideologien neigen zur Reduzierung der Komplexität, nach dem Motto »weniger ist mehr« – allerdings ist hier weniger einfach nur weniger, weil die Zusammenhänge unsichtbar bleiben. Das ist simpel, einfältig und dumm!

Möglichkeits-Ideen hingegen akzeptieren die Komplexität als gegeben, ohne diese zu simplifizieren. Sie erschließen sich diese dadurch, dass sie die Komplexität sichtbar machen, indem sie sie aus verschiedenen Perspektiven beschreiben, interpretieren, reflektieren und (wenn berufliche Designer beteiligt sind – professionell) visualisieren. Das ist schwierig, vielfältig und intelligent!

Zusammenhänge herzustellen beruht auf Erfahrung, Kompetenz, Vorstellungskraft, Wissen und vor allem »aus der Erkenntnis der Welt und der Beziehungen zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt« (Wolf Lotter) – wie es die Systemtheorie und dort speziell die Akteur-Netzwerk-Theorie definiert. Zusammenhänge sind lückenhaft, uneinheitlich, unvollständig und veränderlich, weil subjektiv. Zusammenhänge dienen der Orientierung.

Zusammenhänge fördern das Verständnis. Verstehen ist die Voraussetzung dafür, etwas verändern zu können. Das betrifft unsere gesellschaftliche Kultur und soziale Organisation, die dominierende Ökonomie und die digitale Technologie.

Ich bin daher ständig auf der Suche nach Zusammenhängen, interpretiere und reflektiere sie, um zu verstehen, wie und auf was sie wirken. Daraus leite ich immer neue Zusammenhänge ab, wie zum Beispiel die pandemische »Globalität«

jk 29. Januar 2021

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