# 01. Normalität

Können wir zur Normalität zurückkehren?

In einem chinesischen Graffiti in Hongkong soll kürzlich gestanden haben: »Wir können nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war von Anfang an das Problem.« (Quelle: der Freitag Nr. 16, 16.04.2020, S. 13, »Welt im Reagenzglas« von Timo Feldhaus)

Dieses Imperativ betrifft uns alle. Nachdem unsere »Normalität« – unsere Freiheit, unser soziales Miteinander und unser Wirtschaften – in Folge der durch die Covid-19-Pandemie erlassenen Exekutiv-Maßnahmen weitgehend eingeschränkt wurde, mehren sich immer mehr Stimmen, die unsere frühere »Normalität« einfordern.

Was unsere Freiheit betrifft, sind die Forderungen nach Wiederherstellung unser Freiheitsrechte nicht nur berechtigt, sondern auch zwingend notwendig. Aber wie sieht es mit unserem sozialen Miteinander aus? Wollen wir wieder den zahlreichen »systemrelevant« tätigen Berufen die angemessene Anerkennung verweigern? Wollen wir die gesundheitliche Gefährdung durch unvorsichtiges Verhalten wieder in Kauf nehmen?

Und warum soll sich unser Wirtschaften wieder »normalisieren«, wenn genau dies zu immer mehr unbeherrschbaren Problemen führt – wie zum Beispiel die Ressourcen-/Energieverschwendung und die Klimaveränderungen? Was würde es bedeuten, wenn wir die digitale Transformation und die analoge Nachhaltigkeit dazu nutzen, unsere Art und Form des Wirtschaftens grundlegend zu überdenken und zu ändern? Wie könnte eine Veränderung auf der strategischen, operativen und handwerklichen Ebene umgesetzt werden? Wie könnten Gesellschaft, Institutionen und Unternehmen für einen Transformations-Prozess – der nicht auf Normalität abzielt – gewonnen werden?

Nein – wir können nicht zur Normalität zurückkehren!

Der Wunsch nach »Normalität« basiert auf einem grundlegenden Missverständnis, wie wir uns als Mensch und unsere Kultur weiterentwickeln. Unsere Evolution entwickelt sich durch Innovation – also durch Veränderung. Das betrifft unsere Freiheit, unser soziales Miteinander und unser Wirtschaften im gleichen Maße.

»Normalität« – also Imitation – schafft daher Probleme, oft unlösbare. Und wie geht man mit diesen Problemen um? Albert Einstein hat das in einem Bonmot treffend formuliert: »Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.« Und diese selbe Denkweise ist die »Normalität«!

Welche alternative Denkweise wären denn nun sinnfällig? Ein guter Anfang ist: nicht eine »Normalität« zu fordern, sondern bestehende in bevorzugte Situationen zu verändern – die Weiterentwicklung zu denken. Also das Denken in Utopien, die erstrebenswert sind und in konsequenten Schritten realisiert werden können. Wie könnten diese aussehen? Nun, grundsätzlich zunächst aus der individuellen Situation heraus, mit Blick auf das Anzustrebende und Machbare. Dazu braucht es nicht nur Mut und Risikobereitschaft, sondern auch die Fähigkeit der Überzeugungskraft, Motivation und des Vertrauens in der Gesellschaft, den Institutionen und Unternehmen.

»Unsere Welt neu zu denken ist für mich wie ein Befreiungsschlag« – schreibt die Ökonomin Maja Göbel in ihrem Buch »Unsere Welt neu denken – Eine Einladung« (2020) und begründet das Muss der Veränderung: »Weitermachen wie bisher ist keine Option, weil es zu radikalen und wenig einladenden Konsequenzen führt.«

Ich wünsche mir, dass wir alle gemeinsam den Mut aufbringen den Problemen ins Auge zu schauen und das Unnormale zu denken. Die aktuelle »Corona«-Krise macht dies nicht nur sichtbar, sie lädt geradezu dazu ein, das Normale hinter uns zu lassen.

jk

12. Juni 2020